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Die Vaterland/Leviathan - maritimes Meisterst├╝ck mit bewegtem Schicksal
Die Vaterland/Leviathan 1914-1938
ls im Herbst des Jahres 1911 zwei 10 Meter lange, 2 Meter breite und rund 3,5 Zentimeter dicke Stahlplatten auf der Hamburger Blohm & Voss Werft miteinander vernietet wurden, hatten offiziell die Arbeiten an einem Glanzst├╝ck der Ingenieurskunst des deutschen Kaiserreichs begonnen, aus welchen rund 3 Jahre sp├Ąter das damals gr├Â├čte je gebaute Schiff erwachsen sollte. In der Tat sollte die Vaterland, an deren Bau nun in Hamburg begonnen worden war, den H├Âhepunkt der deutschen Passagierschiffahrt markieren - und gleichsam Symbol f├╝r ihr j├Ąhes Ende mit dem Beginn des Krieges werden. Wenige Schiffe haben eine bewegtere Geschichte, und es gibt wenige Beispiele greifbarerer Sinnbildlichkeit f├╝r das Zerbrechen einer Gesellschafts- und dem Verschwinden einer Weltordnung als das Schicksal das bis heute gr├Â├čten Passagierschiffes, das je unter deutscher Flagge gefahren ist.

In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts war es den deutschen Reedereien gelungen, Werbeplakat der Hamburg-Amerika-Linie die Konkurrenz von den britischen Inseln erfolgreich herauszufordern und den Engl├Ąndern mitunter den Rang als f├╝hrende Nation in der Passagierschiffahrt abzulaufen. Grund f├╝r diesen Erfolg war vor allem die fortlaufende Expansion der Hamburg-Amerika-Linie (HAPAG), die unter der F├╝hrung des Hamburger Schiffsmagnaten Albert Ballin zur weitaus gr├Â├čten kontinental-europ├Ąischen Schiffahrts-Linie angewachsen war und auf dem besten Wege war, sogar zur gr├Â├čten Reederei der Welt zu werden. Geschickt hatte Albert Ballin, der zun├Ąchst Reeder der kleinen, aber ├╝beraus erfolgreichen Carr-Linie war, welche von der HAPAG geschluckt wurde, die Zeichen der Zeit erkannt und seinem neuen Arbeitgeber durch die Einf├╝hrung neuer Technologien zum richtigen Zeitpunkt, effizientem und ausgesprochen gewinn orientiertem Management sowie dem richtigen H├Ąndchen in politischen Fragen ein solch beeindruckendes Wachstum beschert, wie es seit den Tagen von Samuel Cunard keinem einzelnen Mann in einer Reederei mehr gelungen war.

Die Vaterland schlie├člich sollte die Kr├Ânung von Ballins Bem├╝hungen werden, HAPAG als die Nummer Eins der Reedereien auf den Weltmeeren zu etablieren. Als das Schiff schlie├člich am 25. April 1914 zu seiner Jungfernfahrt bereit war, war es mit 290 Metern L├Ąnge das gr├Â├čte je von Menschenhand Der Rumpf der Vaterland wird zu Wasser gelassen, 1913 geschaffene bewegliche Objekt, umfasste rund 52.300 Bruttoregistertonnen und sollte trotz seine Gr├Â├če dank des Einbaus der modernsten Dampfmaschinenanlage ihrer Zeit, die umgerechnet 61.000 PS leisteten, die Meere schneller ├╝berqueren k├Ânnen als jeder Dampfer es vor ihr geschafft hatte. Selbstredend war auch f├╝r die Annehmlichkeiten der Passagiere im ├ťberma├č gesorgt: in punkto Luxus und Komfort konnte es die Vaterland mit jedem Grandhotel des Reiches spielend aufnehmen. 1600 Passagiere befanden sich an Bord, als die Vaterland Hamburg in Richtung New York verlie├č. Damit war das Schiff auf seiner Jungfernfahrt weniger als halbvoll besetzt, m├Âglicherweise scheuten die Menschen die ├ťberquerung auf einem g├Ąnzlich neuen Schiff. Jedoch verlief die Atlantik├╝berquerung ohne Probleme, erst bei der Ankunft in New York ereignete sich ein Zwischenfall: um nicht einen kleinen Schlepper zu rammen, der unversehens vor dem Bug des Schiffes aufgetaucht war, lie├č der Lotse an Bord der Vaterland die Maschinen stoppen. Danach jedoch war der Koloss nicht mehr in der Lage, in der engen Hudson Bay zu man├Âvrieren, trieb hilflos auf eine in der N├Ąhe liegende Schlickbank zu. Erst mit dem Einsatz dutzender zus├Ątzlicher Schlepper, die eilends herangefahren wurden, konnte der neue Stolz des Kaiserreiches davor bewahrt werden, sich auf unw├╝rdige Weise im Schlamm festzusetzen. Mit fast vier Stunden Versp├Ątung erreichte das gr├Â├čte Schiff der Welt endlich seinen Liegeplatz - ein Vorfall, der symptomatisch f├╝r die Vaterland werden sollte, denn auch bei ihrer Abfahrt sollte es wieder Probleme bei der Navigation geben. Bei all ihrer Eleganz und technischen Finesse - es schien, als sei das Schiff einfach ein wenig zu gro├č geraten, ein Symbol gewisserma├čen f├╝r das ├╝bersteigerte nationale Ego der rivalisierenden europ├Ąischen Gro├čm├Ąchte am Vorabend des Untergangs der alten Weltordnung.

Vier Monate, nachdem die Vaterland ihre Jungfernfahrt absolviert hatte, begann mit der Kriegserkl├Ąrung ├ľsterreich-Ungarns an Serbien der Erste Weltkrieg. Die Vaterland befand sich zu diesem Zeitpunkt zwei Tage vor New York, und sollte eigentlich am 31. Juli wieder Die Vaterland verlässt den Hamburger Hafen, 1914 von New York aus in Richtung Heimat auslaufen. Weil aber Deutschland inzwischen an der Seite ├ľsterreich-Ungarns in den Krieg eingetreten war, Deutschland Frankreich und Gro├čbritannien Deutschland den Krieg erkl├Ąrt hatte und es zu vermuten stand, dass die Vaterland bei ihrer Heimreise von britischen und franz├Âsischen Kriegsschiffen aufgebracht und beschlagnahmt werden w├╝rde, wurde die Reise abgesagt. Das Schiff sollte f├╝rs erste in den neutralen Vereinigten Staaten bleiben und musste - zusammen mit insgesamt 7 weiteren deutschen Linern, die sich gerade vor Ort befanden - im New Yorker Hafen liegen bleiben, und die Passagiere, die die Passage schon gebucht hatten, mussten sich nach einer anderen ├ťberfahrtsm├Âglichkeit umsehen. Ein bitteres Los f├╝r die Vaterland, denn sie hatte sich auf ihren bisher sieben Atlantik├╝berquerungen bestens bew├Ąhrt und war schon dabei gewesen, sich einen ausgezeichneten Ruf als Atlantikliner zu erwerben. Nun aber war das Schiff zur Unt├Ątigkeit verdammt. Rund die H├Ąlfte der Besatzung blieb an Bord und hielt das Schiff instand oder vertrieb sich die Zeit in den deutsch-amerikanischen Kneipen, das Schiffsorchester organisierte Konzerte f├╝r Deutsch-Amerikaner oder mit den Deutschen Sympathisierende, um Spenden f├╝r das deutsche Winterhilfswerk zu sammeln. Mit dem Angriff auf den britischen Liner Lusitania wurde die Haltung der amerikanischen ├ľffentlichkeit gegen├╝ber den Deutschen jedoch schlagartig rauer, viele Amerikaner forderten, als Vergeltungsma├čnahme f├╝r den U-Boot-Angriff, bei dem ├╝ber hundert US-B├╝rger umgekommen waren, die in amerikanischen H├Ąfen liegenden deutschen Liner zu beschlagnahmen. Die offizielle US-Administration unternahm aber zun├Ąchst nichts, um weiterhin die offizielle Position der Neutralit├Ąt nicht in Frage zu stellen, obwohl die Amerikaner zu diesem Zeitpunkt die Briten und Franzosen nat├╝rlich schon mehr oder minder verdeckt mit Kriegsmaterialien unterst├╝tzten.

Anfang 1917 propagierte das Deutsche Reich den uneingeschr├Ąnkten U-Boot-Krieg, auch amerikanische Handelsschiffe sollten nun von der kaiserlichen Marine attackiert werden. Die Vereinigten Staaten brachen daraufhin die diplomatischen Beziehungen mit Die beschlagnahmte Vaterland wird der Truppentransporter Leviathan, 1917 dem Reich ab, es zeichnete sich der Eintritt des Krieges der USA gegen die Deutschen ab. Dies besiegelte auch das Schicksal der noch immer an ihrem New Yorker Pier liegenden Vaterland. Am 6. April 1917, zehn Stunden vor der offiziellen Kriegserkl├Ąrung der Amerikaner an das Deutsche Reich, nahmen Angeh├Ârige der Hafenpolizei die 300 an Bord verbliebenen Crewmitglieder der Vaterland in Gewahrsam und brachten sie nach Ellis Island zum Verh├Âr. Die Besatzung leistete keinen wirklichen Widerstand, rund drei Viertel von ihnen nahmen sogar das Angebot der Amerikaner an, die Vereinigten Staaten offiziell als Einwanderer zu betreten. Die ├╝brigen Offiziere und Matrosen wurden f├╝r die restliche Dauer des Krieges in Hot Springs, North Carolina, im Mountain Park Hotel unter Hausarrest gestellt. Solcherma├čen unspektakul├Ąr erfolgte die Beschlagnahmung der Vaterland. Der gr├Â├čte Passagierdampfer, der bis dato je die Weltmeere befahren hatte, war von nun an kein deutsches Schiff mehr.

Stattdessen sollte die Vaterland nun dazu beitragen, ihrem tats├Ąchlichen Vaterland die milit├Ąrische Niederlage zuzuf├╝gen: die Amerikaner begannen mit ihrer Umr├╝stung zum Truppentransporter. US-Pr├Ąsident Woodrow Wilson gab dem Schiff einen neuen Namen, den es von nun an tragen w├╝rde: Leviathan, nach dem biblischen Ungeheuer aus der Tiefe. Mehr als ein halbes Jahr dauerte die Umr├╝stung der Leviathan zu einem seet├╝chtigen Truppentransporter. Einzelne Sabotageakte der deutschen Besatzung vor der Beschlagnahmung, aber vor allem die lange Liegezeit hatten den Dampfer in einen sehr schlechten Zustand versetzt. Dar├╝ber hinaus musste die gesamte luxuri├Âse Inneneinrichtung komplett entfernt und durch eine zweckm├Ą├čige Ausstattung f├╝r den Kriegsdienst ersetzt werden. Am 17. November 1917 schlie├člich war die Leviathan f├╝r ihre neue Aufgabe bereit. Wieder bescherte das Schiff seinen neuen Herren verschiedene Anlaufschwierigkeiten, doch erneut bewies es letztlich seine gro├če Zuverl├Ąssigkeit: 19 Fahrten absolvierte sie im Dienst der US Armee und bef├Ârderte einmal ├╝ber 14.000 Menschen auf einmal - mehr, als bis dahin jemals zuvor auf einem einzelnen Schiff gefahren waren.

Nach dem Ende des Krieges sollte das Schiff, das sich als Truppentransporter so gut bew├Ąhrt hatte, nun endlich wieder seiner urspr├╝nglichen Bestimmung, dem transatlantischen Linienverkehr zugef├╝hrt werden. Jedoch musste zuerst ein Investor gefunden werden, der die teure Aufgabe ├╝bernehmen wollte, das Schiff wieder in einen eleganten Ozeanliner zu verwandeln. Dieser fand sich schlie├člich in der Person von William Francis Gibbs, der aus der Leviathan das Flaggschiff der United States Line machen wollte. Werbeplakat der United States Line mit der Leviathan Weil die Erbauerwerft Blohm & Voss von den Amerikanern f├╝r die urspr├╝nglichen Bauzeichnungen des Schiffes eine Million Dollar verlangte, entschied sich Gibbs, das Schiff von eigenen Konstruktionszeichnern milimetergenau neu zu vermessen, um neue Bauzeichnungen anzufertigen. Dieser Vorgang allein kostete Gibbs ├╝ber ein Jahr. Danach dauerte es weitere zwei Jahre, bis das Schiff 1922 nach Newport News, Virginia gebracht wurde, wo sie schlie├člich f├╝r rund 3 Millionen Dollar - mehr, als ihre Baukosten 10 Jahre zuvor betragen hatten - umger├╝stet wurde.

Am 4. Juli 1923 schlie├člich lief der Passagierdampfer Leviathan zu seiner "zweiten" Jungfernfahrt aus, an Bord waren 1792 Passagiere, wie bei der ersten Fahrt der Vaterland nur etwa die H├Ąlfte ihres Fassungsverm├Âgens. Die Welt, in die Albert Ballins Schiff nun steuerte, hatte sich allerdings in der Zwischenzeit ver├Ąndert. Waren die ersten Atlantik├╝berquerungen der Leviathan noch gewinnbringend, fuhr sie Ende des Jahres 1923 gleich f├╝nfmal hintereinander einen Nettoverlust ein. Ein Hauptgrund daf├╝r war die rigorosere Einwanderungspolitik der Vereinigen Staaten nach dem Krieg, die die Zuwanderung erschwerten. Die Zahlen der Einwanderer nahmen ab, und damit die zahlreichen Zwischendeckpassagiere, die f├╝nf Sechstel der Passagiere ausmachten, wenn das Schiff ausgebucht war und auf deren m├╝hsam f├╝r die Passage zusammengekratzten Dollars der finanzielle Erfolg des Schiffes beruhte.

In den meisten Jahren danach erwies sich die Leviathan als Verlustbringer, wenngleich sie bei den Passagieren durchaus beliebt und zu einer Institution auf See geworden war: in ihren Passagierlisten sind alle namhaften Ber├╝hmtheiten ihrer Zeit wieder zu finden. Ihre schlechte Rentabilit├Ąt sorgte allerdings daf├╝r, dass sie immer wieder zu anderen Zwecken eingesetzt werden musste, etwa als Vergn├╝gungsdampfer f├╝r Wochenendtouren zwischen ihren monatlichen Atlantik├╝berquerungen. Dies sollte insofern lukrativ sein, weil auf dem amerikanischen Festland noch immer die Prohibition galt, diese jedoch auf dem Schiff beim Verlassen der Hoheitsgew├Ąsser nicht mehr eingehalten werden musste. Letztlich konnten aber auch solche Aktionen das Schiff nicht wirklich in die Gewinnzone bringen - Ende 1934 wurde es schlie├člich an seinen alten Pier in New York zur├╝ckgebracht Die Leviathan wird abgewrackt, 1938 und blieb dort die n├Ąchsten drei Jahre unt├Ątig vor Anker. Das Ende nahte.

Zu Beginn des Jahres 1938 schlie├člich wurde der einstige Stolz des deutschen Kaiserreichs ein letztes Mal notd├╝rftig seet├╝chtig gemacht, um seine letzte Atlantik├╝berquerung anzutreten. Ziel war Rosyth in Schottland, wo die Leviathan abgewrackt werden sollte. Mit einem Leck im Achterschiff und trotz mehrerer ausfallender Kessel und berstender ├ľlleitungen schleppte sich das alte Schiff ein letztes Mal ├╝ber den Atlantik, um seine letzte Ruhest├Ątte zu erreichen, wo es am 13. Januar 1938 anlangte und danach auf Grund gesetzt wurde. Der traurige Koloss, der da nun im schottischen Schlamm steckte, nur noch ein Schatten des einst glanzvollen und eleganten Ozeanriesen, war am Ende seines Lebens angekommen. Wenige Monate danach war das fr├╝here Flaggschiff der deutschen HAPAG und der amerikanischen United States Line in kleine Metallteile zerlegt. Die ├ära der Passagierdampfer indes sollte noch eine Weile andauern.

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